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19. Februar 2008
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Aufrufe: 4046
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Wiederentdeckung vergessener Nahrungspflanzen
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75 Prozent der Varietäten sind
verloren gegangen
London/Rom/Wien - Im vergangenen Jahrhundert sind nach
Angaben der Welternährungsorganisation FAO 75 Prozent der Nahrungsmittelpflanzen
verloren gegangen. Insgesamt leben die Menschen im Großen und Ganzen von nur
drei Nahrungspflanzen: Weizen, Reis und Mais. Die Katastrophe daran ist, dass
ärmere Länder fast doppelt so stark von diesen Pflanzen abhängig sind wie
reichere Nationen, berichtet BBC-Online. Nun suchen Experten nach einer Lösung
aus der Misere.
Ein Beispiel hat der Experte für tropischen Landbau, Sayed Azam-Ali von der
University of Nottingham, in den Kolli Hills in Tamil Nadu in Indien gefunden.
Die Menschen in der bis 1960 völlig von der Außenwelt abgeschnittenen Region
lebten in erster Linie von Hirse, die hier seit Jahrhunderten angebaut wurde.
"Das war in der Tat die einzige Nahrungspflanze, auf die sich die Menschen
verlassen konnten", so Bala Ravi, Forscher der Swaminathan Research Foundation
http://www.mssrf.org. Mit der Erschließung der Region durch Verkehrswege
haben viele der Bauern auf andere wesentlich ertragreichere Pflanzen wie etwa
Cassava - auch Tapioka genannt - umgesattelt. Das habe im Lauf der Zeit dazu
geführt, dass die alte Kulturpflanze und ihre Anbaustrategien verloren gegangen
sind.
Die Forscher haben die Bauern nun wieder dazu ermuntert, auf Hirse umzusteigen,
da diese bessere Chancen bietet und zudem mehr Sicherheit. "Genau das ist ein
altbekanntes Problem", meint Peter Zipser, Obmann der Arche Noah
http://www.arche-noah.at, der Gesellschaft zur Erhaltung der
Kulturpflanzenvielfalt. "Viele der früher gezüchteten Kulturpflanzen waren
optimal auf die geographischen Bedingungen angepasst." Zipser schätzt die Zahl
der weltweit wesentlichen Kulturpflanzen mittlerweile auf knapp 30. "Die
Rahmenbedingungen für den Anbau von Kulturpflanzen haben sich weltweit
verschärft. Argumente, die für oder gegen eine Sorte sprechen, sind allerdings
nicht notwendigerweise der Geschmack, sondern schon eher die Gestalt, die
Transportfähigkeit, die Größe oder die Farbe. "Ein gutes Beispiel dafür sind zum
Beispiel die heute in Supermärkten angebotenen Tomaten", so Zipser. Was auf den
Markt komme, bestimmen nicht mehr die Bauern, sondern der Handel.
Der seinerzeit unter Bauern übliche Saatguttausch sei längst illegal und
verboten. "Die Folgen davon sind dramatisch. Die meisten Länder können sich
nicht mehr selbst ernähren. Die Ernährungsautonomie ist weggefallen", meint
Zipser. Selbst arme Länder wie etwa in Zentralafrika erledigen nur
Auftragsarbeit für die industrielle Landwirtschaft in Europa oder in den USA.
"Den Menschen wird Gemüse, das in Europa angebaut wurde, zu Schleuderpreisen
verkauft. Damit werden lokale Produzenten komplett vom Markt verdrängt",
kritisiert der Experte. Wie dramatisch die Auswirkungen sind, zeige sich anhand
der 40.000 Suizide unter indischen Kleinbauern, berichtet Vananda Shiva,
Trägerin des alternativen Nobelpreises. Der Saatgutbereich werde von einigen
wenigen globalen Playern betreut. Diese bestimmen darüber, was verkauft werden
dürfe und was nicht.
Einige Experten geben der industriellen Landwirtschaft keine besonders großen
Zukunftschancen. Der Ausweg aus dieser Krise könne nur in einer vielfältig,
lokal angepassten kleinräumigen Form der Landwirtschaft möglich werden, meint
der Humanökologe Peter Weish von der Universität für Bodenkultur. "Diese ist in
der Lage im Einklang mit biologischer und kultureller Vielfalt die
Ernährungsbasis der Menschen zu sichern." Ein Grund, warum Weish auch
Gentech-Gegner sei, liege darin, dass mit Hilfe der Gentechnik in Händen von
Agro- und Chemiekonzernen die Globalisierung der industriellen Landwirtschaft
weiter beschleunigt und zukunftsfähige agrikulturelle Strukturen weltweit aus
dem Feld geschlagen werden. Weltweit wächst die Einsicht, dass die
Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft nur auf dem Weg der Ökologisierung möglich
ist. "Das bedeutet Wirtschaften mit der Natur, Schließen der Stoffkreisläufe,
lokal angepasste kleinräumige Strukturen mit reicher Sortenvielfalt. Auf diesem
Weg ist die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig möglich und es sind hohe
Flächenerträge zu erzielen." (pte.at)
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