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15. September 2007
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Geistiges Wohlbefinden spielt bei der Schulmedizin keine Rolle
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Chinesische Medizin entlastet
Gesundheitssystem durch sinnvolle Prävention
Wien - Das moderne Gesundheitssystem steht an der
Kippe: Es ist fast nicht mehr finanzierbar. Die Menschen werden zwar immer
älter, gleichzeitig steigen aber auch die chronischen Erkrankungen. Zahlreiche
komplementärmedizinische Anwendungen mit alternativen Behandlungsansätzen stehen
dennoch im Kreuzfeuer der Kritik. pressetext hat mit dem Rektor der Wiener
Privatuniversität für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
http://www.tcm-university.edu, Dr. med. Andreas Bayer, über die Chancen und
Möglichkeiten der Chinesischen Medizin im heutigen Gesundheitssystem gesprochen.
pressetext: Welche Bedeutung kommt der TCM in der modernen Medizin zu?
Bayer: Die moderne Medizin hat Schwachstellen, da sie nur unzureichend
funktionelle Störungen behandeln kann. Wenn Organe versagen oder Gelenke nicht
mehr funktionieren, müssen sie repariert werden. 80 Prozent der
Gesundheitsausgaben entfallen mittlerweile jedoch auf chronisch-degenerative
Erkrankungen. Allein in Österreich gibt es über 800.000 Blutdruckpatienten, über
700.000 Diabetiker. Jeder zweite Mann über 54 geht wegen dadurch verursachter
Arbeitsunfähigkeit in Frühpension. Das macht jährlich 30.000 Frühpensionisten
aus. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) hat hingegen einen
funktionellen Ansatz. Das heißt, dass sie besonders gut bei Menschen mit
chronisch degenerativen Krankheiten wirkt. Sie ist damit die optimale Ergänzung
in einer überalternden Gesellschaft.
pressetext: Wie steht die TCM anderen asiatischen Medizinsystemen gegenüber?
Bayer: Neben der TCM gibt es auch die tibetische und ayurvedische Medizin als
funktionelle Medizinsysteme. Die drei Systeme lassen sich am besten so
beschreiben: Die TCM ist körperlich orientiert, die ayurvedische geistig und die
tibetische seelisch. Folgt man der WHO-Definition von Gesundheit so besagt
diese, dass Gesundheit ein Zustand des körperlichen, geistigen und sozialen
Wohlbefindens ist. Diesem Anspruch wird die Schulmedizin nicht gerecht, da das
Befinden eigentlich keine Rolle spielt. Mit der ayurvedischen Medizin können
sehr gut vegetative Störungen wie etwa Stress- oder Belastungssyndrome gelindert
werden. Die TCM hingegen ist eher körperlich orientiert.
pressetext: Wie sehen Sie die TCM im Vergleich mit der Schulmedizin?
Bayer: Jedes Modell hat Vorzüge und Nachteile. Die Schulmedizin und die TCM
ergänzen sich hervorragend. Die Schulmedizin sagt: "Der Körper kann nicht. Ich
übernehme seine Aufgabe." Die TCM sagt: "Der Körper kann schlecht und ich helfe,
dass er wieder kann." Daher sollte TCM vor der Schulmedizin angewandt werden und
die erste Wahl sein, da eine funktionelle Störung der Erkrankung voraus geht -
ebenso wie das fette Essen dem Bauch. Die Chinesische Medizin hat eine
Lifestyle-Komponente. In der TCM ist Gesundheit kein messbarer Zustand, sondern
der Lohn für das sorgfältige Verwalten der eigenen Ressourcen.
pressetext: Wie viele Patienten behandeln Sie in der Wiener Klinik für TCM?
Und gegen welche Leiden?
Bayer: In der Wiener Klinik für TCM sind neun Therapeuten und Ärzte tätig, die
pro Jahr etwa 4.000 Patienten in über 20.000 Sitzungen behandeln. Bei den
Patienten gibt es zwei große Gruppen. Die einen sind schwer krank. Viele sind
Tumorpatienten oder Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen. Dazu gehören
auch Immun-, Haut- und Herzerkrankungen, oder Morbus Crohn. Diese Patienten sind
meist in schulmedizinischer Behandlung. Wir wirken unterstützend, weil TCM
körpereigene Regenerationskräfte mobilisieren kann. Damit lassen sich
Nebenwirkungen von Cortison- oder Chemotherapien bei gleichzeitiger Verringerung
der Medikamente reduzieren. Zudem kommt es zu einer Steigerung des
Wohlbefindens. Die zweite Gruppe der Patienten ist jünger, im Schnitt zwischen
20 und 40 Jahre alt. Sie nutzen die TCM um Krankheiten zu verhindern. Das heißt,
sie leiden unter Störungen, die aber im schulmedizinischen Bereich noch keine
ausreichenden Befunde liefern und daher nicht oder unzureichend behandelt
werden. Dazu gehören etwa Stresssyndrome, Verdauungsstörungen, Zyklusstörungen
oder wiederkehrende Schmerzzustände im Bewegungsapparat.
pressetext: Sie betreiben neben der Klinik auch noch eine Ausbildungsstätte
für angehende Therapeuten. Was hat sich in den vergangenen Jahren auf diesem
Gebiet verändert?
Bayer: Die TCM-Akademie wurde 1997 gegründet. Seit 2003 gibt es die
TCM-Privatuniversität. Die Gründung der Universität stieß auf massive
Widerstände in der Ärztekammer und im Gesundheitsministerium. Hier sind
besonders ärztliche Mitarbeiter im Ministerium aktiv geworden. Wir wurden
während des Zulassungsverfahrens mit Gerichtsklagen eingedeckt, damit der Antrag
auf Akkreditierung als Universität zurückgezogen wird. Der Druck nach der
Akkreditierung war sogar so groß, dass der Bescheid von der damaligen
Unterrichtsministerin Gehrer ein Jahr lang nicht freigegeben wurde. Die Akademie
konnte sich dennoch durchsetzen. Es hat sich gezeigt, dass die Angst, dass in
Österreich ein zweiter Arzt als Konkurrent zur Schulmedizin entsteht, nicht
gerechtfertigt war. Vielmehr hat sich die TCM-Universität als ergänzende
akademische Ausbildungseinrichtung für alle Berufe im Gesundheitssystem
etabliert.
pressetext: Wer studiert an der TCM-Universität?
Bayer: Die Studierenden kommen heute nicht nur aus der Medizin, sondern aus der
Physiotherapie, Geburtshilfe, Heilmassage und Pharmazie. Die TCM-Universität
unterscheidet sich von anderen Universitäten, da es in Europa keine
Konzentration von TCM Studierenden und Wissenschaftlern in einer Stadt oder
Region gibt, sondern viele kleine Cluster in verschiedenen Städten. Sie ist
daher dezentral aufgebaut. Akkreditiert wurden 2003 der Campus in Wien, München
und Berlin. Dazugekommen sind in den vergangenen Jahren Institute in Madrid,
Valencia, Barcelona und Amposta sowie in Mailand. Geplant sind neue Institute in
Hannover, Budapest und Lissabon. Nur so gelingt es die gesamte wissenschaftliche
Kraft zu bündeln und die TCM im Kontext der Naturwissenschaft zu evaluieren und
zu lehren. Die Wiener TCM Universität ist weiterhin die einzige staatlich
anerkannte Universität für chinesische Medizin in Europa.
pressetext: Ist die TCM häufig Kritiken seitens anderer Mediziner ausgesetzt?
Bayer: Die Kritik der westlichen Wissenschaft liegt im fehlenden
naturwissenschaftlichen Zugang und in der fehlenden Grundlagenforschung. Die
TCM-Universität beteiligt sich auf Einladung der EU-Kommission für Forschung
gemeinsam mit den anderen universitären Einrichtungen in Europa an der Bildung
eines Forschungsnetzwerkes um dieses Defizit auszugleichen. Die EU-Kommission
finanziert das Netzwerk mit 1,5 Mio. Euro und hat bis 2013 rund 53 Mio. Euro an
Forschungsgeldern im Rahmen des FP7-Programmes bereitgestellt.
pressetext: Wie kann TCM die Kostenproblematik in der Medizin verringern?
Bayer: Die TCM hat direkte und indirekte Auswirkungen auf die Kostenspirale im
Gesundheitssystem. Als direkten Effekt sieht man, dass Patienten, die mit TCM
behandelt wurden, weniger Krankenstandstage brauchen und gleichzeitig weniger
schulmedizinische Medikamente konsumieren. Aus diesem Grund hat zum Beispiel die
Donau-Versicherung die TCM zur Behandlung von Erkrankungen und Unfallfolgen in
ihr Versicherungskonzept übernommen. Die indirekte Auswirkung liegt am
Lehreffekt. Der Patient wird vom Konsumenten zum Verantwortlichen. Derzeit wird
eine Feldstudie im Rahmen einer Masterarbeit an der TCM Universität
abgeschlossen, in der es um die Untersuchung der Nachhaltigkeit der Behandlung
mit TCM bei 12.000 Patienten geht. Es hat sich gezeigt, dass bis zu zwei Jahre
nach der Behandlung therapeutische Empfehlungen zur Korrektur des Lebensstils -
wie etwa richtige Ernährung, Bewegung, Vermeidung von Risikofaktoren -
eingehalten werden. Aus vergleichbaren schulmedizinischen Studien wissen wir,
dass dieser Effekt in der Schulmedizin nur sechs bis acht Wochen nach
Behandlungsende anhält. (pte.at)
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