Wenn man in der heutigen Zeit von Reinkarnation spricht, dann denken die meisten Menschen sofort an Indien, weil sie wissen, dass die aus Indien stammenden Weltreligionen dies lehren. Weniger bekannt ist, dass der Reinkarnationsglaube auch in anderen Kulturen eine alte Traditon hat, so z.B. bei den alten Kelten, bestimmten Indianerstämmen und bei den Drusen im Libanon, aber auch schon in der Antike im östlichen Mittelmeerraum weit verbreitet war. Einige namhafte griechische Wissenschaftler und Philosophen haben daran geglaubt und damals viele ihrer Zeitgenossen davon überzeugen können.

Jesus und die Reinkarnation

Historiker wissen, dass zu Lebzeiten von Jesus der Glaube an die Reinkarnation sowohl unter der jüdischen als auch unter der nichtjüdischen Bevölkerung weit verbreitet war. Auch in den darauf-folgenden Jahrhunderten glaubten daran viele Bürger des Römischen Reichs, und zwar sowohl die sogenannten Heiden als auch ein Grossteil der frühen Christen.

Strittig ist unter den Historikern jedoch, wie weit der Reinkarnationsglaube damals in den Christengemeinden verbreitet war, ob eine Minderheit oder eine Mehrheit der Christen diesem Glauben gefolgt ist.

Sicher ist aber, dass es sich dabei um eine bedeutende Zahl von Reinkarnationsgläubigen unter Christen gehandelt haben muss und dies Teilen der Amtskirche nicht in das dogmatische Konzept passte. So sprach der Kirchenvater Origines noch von der vorgeburtlichen Existenz. Aber Papst Vigilius deklarierte die Präexistenz im Jahre 553 durch ein Edikt als Irrlehre, um so auch den Reinkarnationsglauben aus den Christen-gemeinden zu verdrängen.

Es wird gemutmasst, dass der damalige römische Kaiser ein lebhaftes Interesse an der Bekämpfung des Reinkarnationsglauben hatte, weil befürchtet wurde, dass durch die kirchliche und amtliche Anerkennung der Reinkarnation durch reinkarnierte Menschen Besitzansprüche auf den Thron, Landbesitz und wertvolle Hinterlassenschaften geltend gemacht werden könnten. Sollte es tatsächlich stimmen, dass hier Glaubensinhalte aus rein weltlichen Überlegungen, aus Machtstreben und Geldgier bekämpft und schliesslich erfolgreich unterdrückt wurden? Es ist deshalb notwendig, das Neue Testament daraufhin sorgfältig zu unter-suchen.

In mehreren Versen wird erklärt, dass Jesus von vielen seiner Zeitgenossen für einen der alten wiedergekehrten Propheten gehalten wurde, für Elias, Jeremias oder irgendeinen anderen (Matth.16.14, Markus 8.28, Lukas 9.19, Joh.1.21).

Dadurch wird deutlich, dass damals viele Menschen an die Reinkarnation geglaubt haben und auf die Wiederverkörperung einiger ihrer alten Propheten gewartet haben. Da Jesus grosse prophetische Gaben besass, hielten ihn manche seiner Mitmenschen für die Reinkarnation eines alttesta-mentarischen Propheten, bevorzugt aber, dass er der erwartete Prophet Elias sei.

Jesus stellt demgegenüber seinen Jüngern klar, dass nicht er, sondern Johannes der Täufer der wiedergekehrte Elias sei (Matth. 11.11-14, Markus 9.11-13, Matth. 17.10-13):

"Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elia kommen?

Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll freilich kommen und alles zurecht bringen. Doch ich sage euch: Elia ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten.

So wird auch der Menschensohn durch sie leiden müssen. Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte."

Jesus sagt deutlich "Elia ist schon gekommen", nicht aber "einer vergleichbar mit Elia ist gekommen". Die Bevölkerung hat wohl bei der angekündigten Wiederverkörperung von Elias ebenfalls einen Propheten erwartet und nicht jemanden wie Johannes der Täufer, den die prophetischen Gaben fehlten. Nach der Rein-karnationslehre muss ein Prophet nicht unbedingt auch in seinem darauffolgenden Leben wieder ein Prophet sein.

Die Ansicht der heutigen Amtskirche, dass es sich hierbei nur um eine sinngemässe Wiederkunft des Elias gehandelt habe, nicht aber um eine Wiederverkörperung von ihm im Sinne der Reinkarnationslehre, ist vollkommen widersinnig, wenn man den karmischen Aspekt in die Überlegungen einbezieht. Jesus weist die Jünger darauf hin, dass Johannes der Täufer Elias gewesen sei, weil er viel erleiden musste, (er wurde geköpf).

Werfen wir doch einmal einen Blick in das Alte Testament, was dort im 1.Buch der Könige im Kapitel 18 über Elias geschrieben steht! Danach hatte Elias eine harte Auseinandersetzung mit den Priestern des Baalkultes. Ihm gelang es aber, das Volk zu sich herüberzuziehen und zur Verehrung von Jehova zu gewinnen. Dann veranlasste er ein Blutbad an den 450 Baalpriestern:

"Elia aber sprach zu ihnen: Greifet die Propheten Baals, dass ihrer keiner entrinne! Und sie griffen sie. Und Elia führte sie hinab an den Bach Kison und schlachtete sie daselbst." (Vers 40)

Es heisst aber: "Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen!" Das entspricht einem karmischen Gesetz, das auch Jesus und seinen Jüngern bekannt war. Sie wussten, dass Johannes der Täufer deshalb hingerichtet wurde, weil die karmische Schuld von Elia noch nicht abgetragen war.

Ein anderes Beispiel für Reinkarnation und Karma ist in dem Bericht über die Heilung eines Blinden durch Jesus gegeben. (Joh. 9.1-17):

"Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbart werden an ihm." Dann heilte Jesus ihn von der Blindheit.

Die Jünger wollten also von Jesus wissen, ob der blindgeborene Mann seine Blindheit als Karma aus seinem früheren Erdenleben mitbekommen hatte oder ob es das Karma seiner Eltern war, dass sie einen blinden Sohn haben mussten. Jesus erklärte, dass es sich dabei um keinerlei Karma handelte, sondern dass durch die Wunderheilung "die Werke Gottes" offenbart werden sollten.

Den meisten Menschen ist die Erinnerung an ihre früheren Erdenleben verschlossen.

Dies wusste auch Jesus, wie aus dem Evangelium des Thomas hervorgeht:

"Jesus sprach: Heute, wenn ihr seht, das was euch gleicht, freut ihr euch. Wenn ihr aber sehet eure Bilder, die vor euch sind - weder sterben sie noch erscheinen sie - , wieviel werdet ihr ertragen?"

Jesus verwendet für Reinkarnation den Begriff "Bild". Man freut sich zwar über sein eigenes jetziges Bild, über seine jetzige Erdpersönlichkeit und darüber, dass man schon einen annehmbaren Entwicklungsstand erreicht hat. Wenn man sich aber an die Bilder der zurückliegenden Inkar-nationen, die unbewusst in jedem Menschen verborgen sind, erinnern könnte, wieviel könnte man dann davon ertragen? Wären wir fähig, dieses alles seelisch auszuhalten? Schliesslich waren wir in unseren zurückliegenden Erdenleben noch weit weniger charakterlich gehobelt. Es gehört schon ein gutes Stück seelischer Stärke dazu, sich seiner eigenen Vergangenheit der früheren Erdenleben zu stellen.

Anhand der vielen Textbeispiele geht deutlich hervor, dass Jesus und seine Jünger nicht nur an die Reinkarnation geglaubt haben, sondern sich auch der damit verbundenen karmischen Zusammen-hänge bewusst waren.

Es ist zwar richtig, dass es zur Zeit von Jesus im Judentum offenbar keine bedeutende Sekte gegeben hat, welche den damals weitverbreiteten Reinkarnationsglauben in ihre Lehre übernommen hatte. Erst im späteren Judentum (der Neuzeit) ist dies in der Kabbala, im Buch Sohar und bei den Chassidim nachweisbar. Auch in den uns bisher bakannten Schriften der Essener habe ich keine Hinweise auf einen Reinkarnationsglauben finden können.

Aber gerade darin unterscheidet sich meines Erachtens die Lehre von Jesus grundsätzlich von den Ansichten der drei bedeutenden damaligen Sekten, nämlich den Pharisäern, den Sadduzäern und den Essenern. Während diese sich (fast) ausschliesslich an der Schrift orientierten, waren Jesus als Propheten Informationen über die verborgenen Zusammenhänge auf medialem Weg zugeflossen. Dadurch werden manche Dinge, die das damalige traditionelle Judentum in dogma-tischer Enge betrachtet, von ihm aus einer übergeordneten Sicht sehr viel menschlicher und weiser gesehen.

So weicht er aus Einfühlsamkeit und Liebe zu seinen Mitmenschen z.B. von der zu starren Auslegung der Sabbatregeln ab und verzeiht der Ehebrecherin, obwohl dies nicht im strengen Sinn des jüdischen Gesetzes ist. Er weiss eben, dass aus der Sicht der Reinkarnationslehre die Dinge relativiert gesehen werden müssen, weil dabei karmische Gesichtspunkte einzubeziehen sind. Jeder Mensch trägt sein eigenes Karma und hat einen individuellen Weg der geistigen Evolution zu gehen.

Die Erde könnte für alle ihre Bewohner, die Menschen und Tiere, wieder ein Paradies sein, wenn die Menschen aufhören würden, durch ihren Lebenswandel Raubbau an der Natur zu betreiben und sich im Sinne von Jesus um mehr Nächstenliebe bemühen.

Es liegt an dem weitverbreiteten geringen geistigen Evolutionsstand der Menschen. Ein grosser Teil der Menschheit befindet sich diesbezüglich noch auf einer niedrigen Ebene, ist also charakterlich schwach entwickelt, und nur ein kleiner Teil der Menschheit hat schon einen hohen geistigen Grad erreicht. Der geistige Evolutionsstand ... beruht auf folgenden drei Faktoren:

1. Zeit und Anzahl der menschlichen Inkarnationen,
2. geistige Erkenntnis,
3.Freiheitsfähigkeit, also die persönliche Kraft, Entscheidungen zu treffen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich unter den Menschen der Anteil der geistig hoch-evolutionierten bald erheblich vergrössert und damit die Unmenschlichkeit abnimmt.

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Auszüge aus dem Buch: "Jesus und seine Lehre" Michael Arends, Paul C.R. Arends Verlag

 

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